Erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung zu Anfang dieser kleinen Kolumne: Am 09.Mai 2010 werden in dem Bundesland, in dem ich wohne, Landtagswahlen stattfinden, es handelt sich um Nordrhein Westfalen, das bevölkerungsreichste Bundesland, und es ist eine wichtige Wahl für den Bund nicht nur deshalb, es geht auch um die Mehrheiten im Bundesrat, aber: Für mich bedeutet diese Wahl, dass ich seit dreißig Jahren wählen darf und wählen gehe. Ich erinnere mich noch an meine erste Beteiligung an einer Wahl, es war ebenfalls eine Landtagswahl in NRW, sie fand an einem Muttertag statt, drei Tage nach meinem 18. Geburtstag. Damals kandidierten Die Grünen zum ersten Mal für den Landtag, sie wurden nicht ernst genommen von den etablierten Parteien, man konzentrierte sich bei dieser Wahl auf die kommende Bundestagswahl im Oktober, und ich erinnere mich, wie die SPD vor den Wahllokalen stand und Blumen verschenkte, und der damalige Slogan lautete: „Viele Blumen, aber kein Strauß“,- gemeint war der damalige Spitzenkandidat der Union, Herr Strauß, der gegen den amtierenden Kanzler, Herrn Schmidt, antrat. Vergeblich, übrigens, und in NRW gab es damals eine überzeugende Mehrheit für den amtierenden Ministerpräsidenten Johannes Rau, Die Grünen schafften es nicht, in den Landtag einzuziehen, - die Zeiten ändern sich, wie Sie sehen.
Damals war ich aufgeregt vor der Wahl, ich glaubte noch an eine demokratische Pflicht, die ich erfüllen durfte und musste, die Parteien waren klar gegeneinander positioniert, unterscheidbar in ihrem Programm, und es standen starke Persönlichkeiten, um nicht zu sagen: Charaktere an deren Spitze. Was mir als jungem Menschen nicht gefiel, ich mochte diese autoritären Typen nicht, diese ganzen ehemaligen Offiziere, die dieses andressierte Gehabe auch in der Politik nicht ablegen konnten oder wollten. Sie hatten aber wenigstens einen Charakter, auch wenn der mir nicht gefiel.
Bei der kommenden Wahl treffe ich eine Entscheidung zwischen Not und Elend, was die großen Parteien betrifft, zu denen auch Die Grünen zählen, die sich mittlerweile auch anders nennen. Seit zwölf Jahren sind diese vier Parteien in verschiedensten Koalitionen an Bundesregierungen beteiligt, und was sie jetzt, als ehemalige oder derzeitige Oppositionspartei propagieren, muss eben an dem Ergebnis dieser Jahre gemessen werden. Waren CDU und FDP wegen ihres Konservatismus nie eine Wahloption für mich, so sind die anderen beiden Parteien aufgrund ihrer Abkehr von ihren früheren sozialen oder alternativen Standpunkten nicht mehr wählbar. Sie sind, wie soll ich es nennen: Neureich geworden.
Neureiche nennt man jene unsympathischen Zeitgenossen, die, auf welchen Wegen auch immer, zu Reichtum gekommen sind, denen aber ein kultivierter Umgang mit diesem Reichtum nicht gegeben ist. Sie möchten gerne dazugehören zu den so genannten kultivierten Kreisen, sind aber zu ungebildet, um dort ernst genommen zu werden und erkaufen sich eine Teilhabe daran durch ihr Geld. Ein Beispiel für einen solchen Parvenü ist der österreichische Bauunternehmer Richard Lugner, der in wechselnder Begleitung mehr oder weniger bekannter Damen den Wiener Opernball heimsucht. Mit Paris Hilton, beispielsweise, den Damen zahlt er ein nicht unbeträchtliches Honorar für ihre Auftritte.
Nun ist kultiviert ein Adjektiv, das im politischen Geschäft unpassend ist, weil es keine Rolle spielt, in der Politik geht es um Macht. Um Entscheidungen treffen zu können. Die Macht haben die Vertreter der Wirtschaft in Deutschland, und die Politiker sind dazu da, deren Forderungen umzusetzen, so war es jedenfalls in den vergangenen 15 Jahren. Und diese Wirtschaftsbosse dulden Politiker in ihren Kreisen nur als ihre Marionetten, und belohnen diese für gefälliges Verhalten nach ihrem Ermessen. Politiker sind die Parvenüs der Wirtschaft geworden, besonders auffällig geworden ist dies am Beispiel der Herren Schröder und Fischer, deren Laufbahn politisch Interessierten bekannt sein dürfte.
Aber wieder findet die oben genannte Wahl an einem Muttertag statt, ein Jubiläum für mich, auf das ich mich wenig freue. Damit meine ich die Wahl, nicht den Muttertag. Ich liebe meine Mutti sehr, und freue mich darauf, ihr wenigstens ein Mal im Jahr eine Freude machen zu dürfen, indem ich sie besuche. Ich wünsche mir für alle Töchter und Söhne dasselbe, den Müttern ohnehin, und fast allen Menschen wie immer:
Einen schönen Tag.