Das Gesetz und die Propheten
Für Anne und…
Schwer zu sagen, was man selbst machen würde, wenn man Zeuge einer Gewalttat wird, wie sie gestern in Berlin geschah: ob man dem Opfer helfen würde oder sich selbst in Sicherheit bringen würde aus Angst, selbst ein Opfer der Gewalt zu werden, - oder ob man sogar selbst seinen eigenen Gewalttrieb ausleben würde und womöglich…
Jedenfalls hat sich einer der Täter gestern bereits der Polizei gestellt, und obwohl noch keine Einzelheiten über das Profil dieses potentiellen Mörders bekannt sind, wird es sich wohl um das übliche biografische und charakterliche Persönlichkeitswrack handeln, das von anderen Straftaten dieser Art bekannt ist: aufgewachsen in einer gewalttätigen oder gewaltbereiten Umgebung, wurden die späteren Täter oft selbst Opfer von Gewalt oder lernten, dass Gewalt zur Lösung von Konflikten eingesetzt wird, usw.Ein entscheidender Faktor ist der Umstand, dass in solchen Kreisen früh und dann später generell auf Bildung wenig Wert gelegt wird. Wobei es keine Rolle spielt, ob der Vater (oder die Mutter) sich in Kneipen prügelt und abends RTL 2 schaut,oder ob die Eltern als Unternehmer das Recht des Stärkeren zelebrieren im Umgang mit Angestellten oder der Konkurrenz, und am Abend lieber Bilanzen lesen als ein Buch. Aus der einen Biografie und Sozialisation erwächst der Schläger,aus der Anderen der Amokläufer. Zum Beispiel. Begünstigt wird eine solche Entwicklung zum späteren Intensivtäter durch gesellschaftliche Entwicklungen: das Individuum wird höher eingeschätzt in seinem Wert als die Summe der Individuen, die Gemeinschaft, das führt zu einer zunehmenden Bindungsunfähigkeit und Vereinzelung untereinander. Wieder: Und so weiter.
Nur nützt es, um ein Problem zu lösen, recht wenig in der konkreten Situation, in der eher schnelle Entscheidungen gefragt sind statt der Reflektion über das Entstehen dieser Umstände, und in der es noch weniger hilft, über Therapiemöglichkeiten oder Strafen für die Täter nachzudenken, sich dieses Phänomens bewusst zu werden durch eine Analyse des selben. Erfahrene und professionelle Kriminalisten empfehlen eher, sich zuerst einmal selbst zu schützen, selbst Hilfe zu suchen durch Verständigen der zuständigen Polizei oder Ähnlichem, und den Tätern, wenn möglich, als Gemeinschaft gegenüberzutreten, um die logischerweise stärkere Kraft zu nutzen. Oft sind diese Täter aus oben genannten Gründen eher schwache, oft feige Kreaturen, die selbst nur in Überzahl stark zu sein glauben. Abgeraten wird dagegen von möglicherweise spektakulären Einzelaktionen, das ist der sicherste Weg, selbst zum Opfer zu werden.
Beunruhigend an solchen Gewaltausbrüchen ist nicht nur die ekelhafte Brutalität solcher Verbrechen, - einem Verletzten werden noch weitere Verletzungen zugefügt, einem Bewusstlosen wird noch an den Kopf getreten, - es ist die scheinbare Willkür, mit der die Opfer ausgewählt werden von diesem Pack, es kann jeden zu jeder Zeit an jedem Ort treffen. So gesehen wäre eine Gemeinschaft wünschenswert, in der es Maxime ist, dass Gewalt nicht geduldet wird in keiner Situation: durch Übereinstimmung müsste es selbstverständlich sein, sich sicher fühlen zu können beim Betreten einer S-Bahn, zum Beispiel, dass jedem von jedem geholfen wird, sollte er zum potentiellen Opfer werden. Wie oben beschrieben: als starke (nicht: gewalttätige) Gemeinschaft. Man nennt eine solche gesellschaftliche Übereinstimmung auch Moral. Übrigens. Sind solche Voraussetzungen allgemein akzeptiert, kann man sich um die Therapie oder Bestrafung der Täter kümmern.
Wieder der Kategorische Imperativ also, oder, wenn Sie es zu Ostern religiös mögen: Das Matthäus Evangelium 7, Vers 12. Verantwortung für Andere zu übernehmen heißt: Verantwortung für sich selbst zu besitzen. Gewalt gibt es nur dort, wo man sie duldet. Und sie äußert sich nicht immer physisch oder spektakulär in der körperlichen Eskalation, das Gefährliche an ihr sind ihre verschiedensten Erscheinungsformen und Nuancen.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ein gewaltfreies Osterfest und:
Einen schönen Tag.
