Die Frisur
Gerade habe ich einmal überlegt, wie lange es wohl schon Autogetriebe geben mag, die mehr als vier Gänge haben, und wie lange Michael Jackson die Musikgeschichte beeinflusst hat und also in allen Schlagzeilen war, und ob es Menschen gibt, die Beides nicht mitbekommen haben über diese geschätzten zwanzig Jahre hinweg…
Kürzlich war Franz Müntefering zu Gast in der Talkshow „Markus Lanz“, und zu diesem Anlass hat er noch einmal mit diesen Wissenslücken geprahlt, die er über Jahrzehnte pflegte. Andere Menschen hätten sich eher dafür geschämt, so etwas zuzugeben, aber ein Politiker, der nach gewonnen Wahlen öffentlich erklärt, es sei ungerecht, nach den Wahlen noch an seinen Wahlversprechungen gemessen zu werden, verfügt natürlich über kein besonders sensibles Schamgefühl. Müntefering hatte schon in einem “Zeit“-Interview zuvor verlautbart, diese genannten Dinge habe ihm seine sehr viel jüngere Ehefrau erläutern müssen, nachdem er selbst seine sämtlichen Machtpositionen abgegeben hatte und nun selbst einen Wagen lenken muss, wenn er sich denn mittels eines Autos fortbewegen will. Ich halte das übrigens für nicht ungefährlich, jemanden zumindest tagsüber bei starkem Verkehr auf öffentlichen Straßen herumirren zu lassen, der mehrere Jahrzehnte viel Zeit in einem Auto verbracht hat, und nie bemerkt hat, dass sein Fahrer öfter mal weiterschaltet über den vierten Gang hinaus.
Natürlich kann man, - laut Selbstaussage, - jahrelang täglich mehrere Zeitungen lesen, ohne mitzubekommen, wer Michael Jackson war, das geht aber eigentlich nur, wenn man sich nicht einmal die Bilder anschaut, wie es wenigstens die Legastheniker und Blöden machen, oder Kinder, sondern die Zeitungen, vielelicht wenigestens sauber gestapelt, mit der Rückseite zuoberst auf seinem Schreibtisch liegen lässt. Und sich die für einen selbst wichtigen Artikel vorlesen lässt, zusammengefasst womöglich, vorzensiert von einem Mitarbeiter, der weiß, was der Chef lesen will und lesen muss, und: was nun einmal nicht. Ist der Mitarbeiter noch Vertreter der Lobby, deren Interessen der Politiker zu vertreten hat, oder entsprechend von dieser instruiert, bleibt dieser Politiker über Jahrzehnte verschont von dem Einbruch bis Terror der Realität in sein Weltbild. Zum Beispiel von der täglichen Lebensrealität der Menschen, die von den eigenen Entscheidungen nicht profitieren, sondern darunter zu leiden haben, oft auch über Jahrzehnte. Der Lebensrealität seines Fahrers, beispielweise, für die er sich jahrzehntelang so wenig bis gar nicht interessiert hat, dass er ihn nie auch nur angesprochen haben kann während der langen Fahrten, weil: Er hat ihn nicht einmal angeschaut während dieser langen Zeit, sonst hätte er bemerken müssen, dass dieser öfter schaltet über die vermuteten vier Gänge hinaus. Wahrscheinlich hat Herr Müntefering die langen Autofahrten genutzt, um die Instruktionen seiner Lobbyisten auswendig zu lernen, und nur kurze Anweisungen an den in seinen Diensten stehenden Pöbel geschnauzt.
