Blut und Öl
Kürzlich äußerte ein innenpolitischer Sprecher einer ehemaligen Volkspartei, das einzig störende in der Berufsausübung eines Politikers seien die Wähler. Nun, habe ich gedacht: Kein Problem für mich, Dieter, wenn es alle halten wie ich, dass sie Deinen Laden nicht wählen, so hast Du dieses Problem bald nicht mehr, und: Gerne geschehen. Es ist nämlich Tradition in dieser Partei, dass man sich duzt, und da der Nachname dieses Herren fast so albern klingt wie so mancher KV-Nick, könnte man versucht sein, auch seine Aussagen nicht ernst zu nehmen, wenn man den Namen sofort liest am Anfang einer seriösen Kolumne. So wie man die Texte vieler KV-Kollegen nicht ernst nimmt, weil sie unter einem lächerlichen Nick veröffentlicht werden. Ob zu Recht oder nicht: das ist ein weites Dings.
Nach kurzem Nachdenken kam es mir aber plötzlich so vor, als hätte ich es mir zu leicht gemacht mit meiner spontanen Gedankenreplik. Ich habe an den durchschnittlichen Leser meiner Kolumne gedacht, also an Sie: promovierter Akademiker in gehobener Funktion arbeitend, und dieser hat in seinem Arbeitsvertrag eine Klausel stehen, die ihn verpflichtet, alle vier Jahre seine Qualifikation und Leistung in seinem Beruf von einer Jury beurteilen zu lassen, die auch entscheidet, ob er/sie diese Tätigkeit weiter ausüben darf. Leider besteht diese Jury nicht aus Angehörigen Ihrer eigenen Berufsgruppe, sondern Sie, als Beispiel, werden als Chefarzt einer Uniklinik von einer buntgemischten Gruppe aus Lackierern, Maurern, Automechanikern und Schlossern beurteilt, zu allem Überfluss ist diese Jury auch noch paritätisch von Frauen besetzt. Nicht anrufen, bitte, das war ein Scherz, das mit dem Überfluss und mit dem: zu allem. Wie dem auch sei: diese Jury prüft also Ihre Krankenberichte, studiert Ihre Akten usw., jedenfalls simulieren sie dieses Studium mehr oder minder glaubhaft. Wobei Sie als Arzt noch die wichtigsten Belege Ihrer Erfolge nicht vorlegen dürfen, wegen der ärztlichen Schweigepflicht, zum Beispiel. Falls sich das Gremium überhaupt diese Mühe macht und nicht offen zugibt, dass diese Kommission nach dem äußeren Eindruck entscheiden wird, den man von Ihnen hat, nicht, ohne keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Ihre Berufsgruppe an sich und ihren Beruf im Allgemeinen zu machen. Alle vier Jahre sind da Ihre Fähigkeiten als Entertainer gefragt. Oder, um es noch schlimmer und so gesehen deutlicher zu machen: Einige der Jurymitglieder sind von Ihnen behandelt worden, Sie haben schmerzhafte Operationen durchführen müssen, deren Sinn und Erfolge sich nur dem Insider erschließen… Übrigens können Sie es sich auch umgekehrt vorstellen, sollten Sie Rektor an einer Waldorfschule sein, Sozialpädagogin oder Ähnliches: Ärzte, Architekten, Juristen und Frauen beurteilen also die Arbeit eines Automechanikers in vierjährigem Rhythmus. Das wäre Ihnen schon ziemlich lästig, vermute ich.
