Vorurteile

Leider, oder auch nicht: leider stecke ich voller Vorurteile. Das heißt: Ich bilde Urteile, bevor ich eigentlich ein Urteil bilden dürfte. Ein gewissermaßen kurzer Prozess, anstatt einer langwierigen (Gerichts-)Verhandlung mit mir selbst.

Ein Beispiel: Menschen beurteilen, deren Charakter, Intelligenz, soziale Kompetenz, so heißt das ja wohl heute, - das dauert bei mir zumeist nur wenige Minuten.Eher weniger, ehrlich gesagt. Man lernt ja viele Menschen kennen, ob man will oder nicht, im Verlauf eines, wie in meinem Falle, mittellangen Lebens mittlerweile, und immer mehr gewinnt man den Eindruck: So viel Zeit habe ich gar nicht mehr, mir für jeden/jede Zeit zu nehmen. Oft höre ich Radio, Jugendsender, das auch, und ich denke immer, wenn ich dann die Jugend höre, was sie denn so gerne mache, beispielsweise am Wochenende: Party machen, Leute kennen lernen. Und ich denke dann immer: wie schön, dass ich nicht mehr jung bin. Dazu habe ich aber nun gar keine Lust. Zu letzterem.

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Ein Idiot

Kein Beitrag für den Kolumnenwettbewerb

Wenn das Telefon läutet, Sonntags, Sonntagmorgens…Nun, sie war am Telefon, Freundin, ob ich das gelesen habe, Jubiläum unseres Einkaufszentrums, deshalb Verkaufsoffener Sonntag heute, und ob ich mitginge, mitgehen würde, auf einen Kaffee. Nein, natürlich nicht, zwei Alarmwörter, die ein „Nein“ automatisch bei mir auslösen, nämlich die Kombination von „verkaufsoffen“ und „Frau“, also: ich habe schon etwas vor, was denn jemand wie ich vorhabe, ich sei schon verabredet, wer sich denn mit mir freiwillig verabrede an einem Sonntag, außer ihr, also: 16.00 Uhr am Hauptbahnhof, Bahnhofsbücherei.

Tatsächlich war sie schon um 16.30 Uhr da, atemlos, sie hatte sich extra meinetwegen beeilt, Sonnenstudio, liegt ja auf dem Weg, und fast hätte sie sich verbrannt wegen meiner ewigen Hetzerei, warum ich so unfreundlich schauen würde, schon wieder schlecht gelaunt, oder wie, bei dem Wetter, und ich selbst bin von den Frauen, mit denen ich zusammen leben durfte, eine Weile, viel zu gut erzogen worden, um auf so etwas zu antworten, und habe eine Strategie entwickelt mit der Zeit, die lautet: Schweigen, Thema wechseln, das Beste daraus machen. Also noch schnell bei der Bank vorbei, das hättest Du auch vorher machen können, gleich bekommt man nirgendwo einen Platz, ja, ich weiß. Ich weiß.

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Paul G

Gerade hat meine Katze auf mein Sofa gekotzt, ich überlege gerade, ob ich Katzen wirklich so sehr mag, wie ich es in meiner vorigen Kolumne behauptet habe, diese Katze also, meine Meinung über Skinheads hat sich aber überhaupt nicht geändert. Und: Bitte nicht mehr bei mir anrufen, ich mag auch andere Tiere, Elefanten, Eichhörnchen, Nacktmulle, wie Sie wollen, und ich mag auch andere Menschengruppen nicht, beispielsweise Politiker in Talkrunden oder überhaupt. Wen ich, zum Beispiel, mag:

Paul, Paul G, ein riesiger Boxerrüde, gehört der Familie G, der zu KV-Treffen mittlerweile gehört wie der Geißbock zum 1. FC Köln. Ein furchtbar netter Hund, freundlich, enthusiastisch, harmonisierend, anhänglich, er widerlegt Vorurteile, die ich früher gegen Boxer hatte. Muskelstrotzende, geifernde, sabbernde, hässliche Köter, seit ich Paul kenne: keine Rede mehr davon. Jeden Teilnehmer begrüßt er freudig, wobei er allerdings nach Bekanntschaft differenziert, Herrn Owald begrüßt er freudiger als mich, er begrüßt aber jeden, gelegentlich auch Nichtteilnehmer, niemand wird von ihm diskriminiert. Freundlich, eben. Enthusiastisch: Für jede Aufmerksamkeit ist er dankbar, gelegentlich holt er sie sich mit einem gewissen Nachdruck, sei es ein trockenes Brötchen oder ein Streicheln zwischendurch. Harmonisierend: Er bildet sofort ein Rudel, jeder im Raum gehört dazu, und wenn ein Mitglied den Raum kurz verlässt, wird es entsprechend betrauert und nach der Rückkehr freudig begrüßt, freundlich, nach Bekanntheitsgrad, ich schrieb es schon. Bereits. Anhänglich: Hat er jemanden ins Herz geschlossen, und er schließt fast jeden in sein großes, großes Herz, kann es vorkommen, dass er den ganzen Abend versucht auf dessen Schoß zu hocken, zu knuddeln und zu schmusen. Ich erinnere mich da an ein Treffen in Dortmund, Paul den ganzen Abend auf dem Schoß einer Kollegin, die uns leider verlassen hat, aber das war schon ein rührendes Bild, Paul mit seinen vierzig Kilo auf dem Schoß der kaum schwereren Dame. Wobei es ein wenig darauf ankommt, wie nah man an den Gs sitzt, gelegentlich benutzt er Teilnehmer schlicht als Brücke. Dauerbrücke.

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Leo

Dies ist übrigens kein Beitrag für den Jugendkolumnenwettbewerb, lapidar wurde mir mitgeteilt, ich sei „einfach viel zu alt“, es folgten Schimpfworte, - nun, jetzt bin ich in der Jury, ist doch auch etwas.

Aber einmal etwas Anderes: Darf man ein Tier mehr lieben als einen Menschen? Ein Beispiel: Ich habe also eine Katze zu Hause, acht Jahre alt, rotbraun, wunderschönes Tier, und wenn man mich fragt: Wen magst Du lieber, Alter, ey, den grölenden Skinhead in der S-Bahn, oder Deinen Leo, so heißt mein kleiner Liebling, oder noch schärfer gefragt: Wenn Du wählen müsstest, einer von Beiden muss nach Walhalla, Ulf oder… Investieren Sie bitte keinen Euro mehr für Flaschenbier in das stinkende Schwein, wenn man Sie darum angrunzt. Also in Ulf.

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Herz von Marburg, und:…

Vorigen Montag ist keine Kolumne erschienen, meine Schuld, ich war dran, war aber nach dem Treffen in Marburg zu müde, und: rechte Lust hatte ich auch keine…Entschuldigt das, bitte. Übrigens, Marburg:

Es waren auch junge Autoren anwesend, in Marburg, erfreulich viele, und: an der Außenwand des Turmrestaurants, in dem unser Treffen stattfand, blinkte ein riesiges Herz, und: es gibt eine neue Jugendvertreterin. Jugendliche Autoren anwesend waren ca. zehn, das Herz war eine Werbeaktion einer Kontaktbörse, die neue Jugendvertreterin heißt Julia „Jule“ Kindermund.

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Ein Hamster

Tja, es ist, wie es ist: ich kann immer nur eine Sache vernünftig machen, es versuchen, meine Aufgabe für heute Abend: eine Kolumne zu schreiben und an dem Projekt teilzunehmen: „Wäre ich ein Tier, wäre ich…“, ich empfehle letzteres hiermit einmal ausdrücklich. Also, wie gesagt: tja…


Gestern fand unser monatliches NRW-Treffen statt, der „Pott-Stammtisch“, ich bin mit dem Zug gefahren, dieses Mal, es war heiß, für die 40 km von Wuppertal nach Essen benötigte ich gestern 90 Minuten, wegen Bauarbeiten der Deutschen Bahn AG, es war heiß und stickig in dem Zug, Umsteigen in Hagen…Und schon in Gevelsberg stieg jemand ein mit Gitarre, Vollpsycho, das erkenne ich auf den ersten Blick, sie setzen sich meistens neben mich, und dieser traurige Tropf wollte tatsächlich etwas vorspielen, ob es jemanden störe, und mein angewiderter Blick hat ihn ermutigt, unglaublich, und dann: „Marmor, Stein und Eisen bricht…“, wie kann man das heute noch spielen, es ist ja verbrauchter als „Yesterday“, - grauenhaft falsch und kein bischen textsicher, und ich versuchte, über das Projekt nachzudenken, und ich dachte: „Wäre ich ein Tier, dann wäre ich gerne ein Hund und würde ihn in die Hand beißen.“

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Abistokratie

Der Adel geht, der Pöbel bleibt. Naja


von kindermund, para.gone und wupperzeit


Kindermund:

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, die Schule zu verlassen. Nie wieder Unterricht. Zwölf Jahre lang gab es nichts anderes. Ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, wie es ist, wenn die Zwölfer die Schule verlassen haben. Freilich sind sie noch Schüler. Aber sie haben keinen Unterricht mehr, nie wieder. Deshalb sind sie auch nicht hier und es ist still.

Ein Jahrgang verschwindet einfach. Sie hinterlassen frisch angemalte Wände vom letzten Schultag, ein großes Poster für jeden Kurs mit dem Kursmotto darauf. T-Shirts haben sie getragen am letzten Tag, knallbunte T-Shirts mit Sprüchen drauf, die nur die jeweiligen Leistungskurse verstehen. Eine eingeschworene Truppe und jetzt stieben sie in alle Himmelsrichtungen: Lernen, Studieren, Bund. Die kommen nicht wieder. höchstens vereinzelt: noch mal vorbeischauen.

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