Schwere

von A.J.

Ein wilder Traum aus Blei
hat mich geweckt.
Mit dunklen Zungen leckt
er immernoch an mir
(er riecht so grau, wie hier
der Tag…)

Du kochst Kaffee,
als ob nichts sei.

Dein Blick fragt ehrlich, wie es mir heut geht.
Ich suche nach der Antwort an der Wand,
(und finde nur die Küchenuhr, die steht).
Fast schüchtern streifst du, flüchtig, meine Hand.

Mir tut der viele Regen weh:
er tropft die glatte Welt so kraus.
Die alte Lampe flackert grell
(du weinst)
und meine linke Hand hält
tapfer eine Tasse heiße Schwärze aus

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Sonntag

von A.J.

Ich bin nicht hier. Hänge nicht unter hohen Decken in diesem Schachtelzimmer mit unverbaubarer Aussicht nach unten, kaltes Winterlicht durch milchig vertuchtes Glas. Du bist es, du, mit fahlem Gesicht, das Absinthglas in der Hand, man muss Klischees bedienen sagst du, also Absinth. Bitter mit ein wenig Süße, so muss es sein, denke ich, die Hand am Glase wie abgebrochen fern.

Stimmen knistern durch die papiernen Wände. Da sind andere, zwischen den Türen, nur hier, hier ist niemand, bloß eine ferne Hand und ein Glas und immer wieder dieses Lied. Noch einmal, sagst du, noch einmal, und ich gebe nach und spiele es, ein letztes mal, hörst du, ein letztes mal, und dann doch wieder und wieder. Szomorú vasárnap, denke ich, sie singt es in der falschen Sprache, es ist nicht richtig so, es ist alles falsch. Utolsó vasárnap.

Ich bin nicht hier. Nur eine Hand und ein Glas und das Lied, und es ist nicht Sonntag, hörst du. Noch nicht gleich.

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Die Raben (von der Schönheit)

von A.J.

Grad sah ich einige Raben,
fast schon vom Zwielicht verschluckt,
im brechenden Himmel sich baden,
erst, und dann niedergeduckt
im gleichfarb’nem dichten Geäste
sich niederlassen zur Nacht.
Ihr flackerndes Auge bewachte
verlorene Schätze: die Reste
zerbrochener Scheiben,
die, längst vergessen von uns,
Kostbarkeiten doch bleiben
in anderem Auge.

Gläsern, die Perle. Tropfend im Staube
rollte sie tanzend hinab,
und ihre Brüder im Kampfe
folgten als nasse Armee
stürzend ihr nach in die reißende See
einer Pfütze. Die Raben, ganz glatt
nun gewaschen, standen an Glanze
dem flüchtigen Spiegel nicht nach.

Fast schon schlief ich
doch Gott sei Dank rief mich
ihr heiseres Krächzen noch wach.

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Lev

von A.J.

Ich habe meine Flügel geöffnet und bin davongeflogen. Es hat mich fortgetragen wie mit einer Böe, von einer Brücke wurde ich zur nächsten geweht, bevor ich mich versah. In Sekundenbruchteilen scheine ich von einer Stadt in die nächste gewirbelt zu sein, obgleich doch Länder und Ewigkeit liegen zwischen meinem Hier- und meinem Dortsein. Es ist sich jedoch fast gleich: die Brücken, sie ähneln sich in all diesen Städten: Paris, Prag, Budapest. Es stehen Menschen an den Geländern, die husten und atmen und zwinkern und lange Blicke auf nicht existierende Landschaften werfen, bevor sie wie unbeteiligt weitergehen und sich stehen lassen über dem schmutzigen Grau. Sie schleichen nach Hause, gebeugt, manche schnell, als sei ihnen eingefallen, dass es doch noch etwas wichtiges gibt in der Welt, wohin zu eilen es sich lohnt. Wie von unsichtbaren Körpern getragen bewegen sich Tüten und Taschen und Mäntel voran und lassen ihre Träger unter einer Laterne stehend zurück.

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Prélude

von A.J.

Das war’s, sagt die Lethargie. Sie hat mich gepackt, krallt sich mit zittrigen Fingern in meine Handgelenke, dass ihr die Knöchel weiß werden, und hält mich fest. Ich liege halb auf das Bett hingesunken, halb mit den Füßen noch die Dielen berührend, ein schmerzhaftes Kribbeln zieht sich durch die großen Zehen, auf die ich das letzte Gewicht abgewälzt habe. Aufstehen musst du, aufstehen, denke ich, und greife nur fester und verkrampfter in die Decke, drücke ein fahlgraues Gesicht in die Kissen, bis ich kaum noch atmen kann.

Chopin dringt durch die Wände, der Nachbar spielt, er schiebt mir den Chopin durch die Mauerritzen und unter der Tür hindurch wie eine dahingewischte Nachricht auf einem Zettelchen mit fransigem Rand, wie: ein Extrakt, koch dir eine Suppe daraus, wenn du willst. Prélude Opus 28 N° 4, zusammengefalten und von mir wieder aufgeklappt, wie eine Notiz, nur: dass ich nicht lesen kann, nur hören, und so kommt der Chopin nicht an, wie er sollte.

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einszuvierzehnmillionen

von A.J.

Dir wird nichts passieren, wenn du tust, was ich sage”, erzählt er ihr. Dabei lügt er, denkt er, es passiert immer etwas, irgendetwas, und wenn es nur ist, dass einem das Herz gegen die Brust schlägt oder ein Vogel auf das Autodach scheißt, so etwas passiert einfach, ohne dass man in dem Augenblick etwas dagegen tun könnte. Er lügt also, denkt er, aber was soll er ihr sonst erzählen, er muss ja etwas sagen, und vielleicht glaubt sie ihm es ja sogar, schön für sie, er glaubt es ja selber nicht, denn er weiß ja, dass es anders ist. Es passiert immer irgendetwas, denkt er, und man hat gar nichts in der Hand, um etwas zu tun in dem Moment. Er hat also gar keinen Einfluß darauf, denkt er: keinen. Aber irgendwas muss er ja erzählen, denn sie erzählt ja nichts. Er versteht überhaupt nicht, warum, er hätte so vieles zu erzählen in so einem Moment, denkt er, denn so etwas passiert einem ja nicht alle Tage, und dazu muss man doch irgendwas zu sagen haben. Aber sie zieht es scheinbar vor, nichts zu sagen zu haben, denkt er, sitzt einfach nur da, hinten auf dem Rücksitz, und beobachtet ihn im Spiegel. Natürlich, denkt er, sie kann mich ja nur im Spiegel sehen, ansonsten sähe sie ja nur meinen Hinterkopf, und wer will den schon gerne sehen, da sieht man nur meine Schuppen und sonst nichts. Gott, denkt er, ich hätte meine Haare waschen sollen, wie sieht denn das jetzt aus, sie starrt die ganze Zeit auf meinen Hinterkopf, und mir rieseln die Schuppen herunter, was denkt sie da wohl. Er wüsste sowieso gerne, was sie denkt, aber sie sagt ja nichts, sondern sitzt nur da, und hört ihm zu, wenn er ihr immer wieder wiederholt, dass ihr nichts passiert, wenn sie tut, was er ihr sagt. Aber was sage ich eigentlich, denkt er, ich sage ihr ja gar nicht, was sie tun soll, was sollte sie auch schon tun, man kann ja nicht viel tun in einem Auto, entweder man fährt oder man sitzt und schaut aus dem Fenster, da kann man nicht viel falsch machen. Und sowieso, denkt er, sollte niemand irgendwem sagen, was er tun soll und was nicht, das muss jeder selber wissen, die Leute schreiben viel zu oft anderen Leuten vor, was sie zu tun und was sie zu lassen haben, das sollte man nicht tun, denkt er, denn: jeder muss frei sein zu tun was er selber will, so sollte das sein. Aber selbst wenn einem die Leute nicht sagen was man tun soll schreiben sie es einem vor, denkt er, sie sprechen es nicht aus, aber sie schauen einen so an, wenn sie denken, dass es nicht das richtige war, was man getan hat, sie schauen einen so an, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, und beim nächsten mal traut man sich dann nicht mehr, selbst wenn es gar nichts falsches war, was man getan hat.

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Milchkaffee

von A.J.

Noch einen Kaffee, bitte, ja, danke. Mein Magen schmerzt bereits, Säure steigt heiß die Kehle hoch, aber ich brauche noch mehr Kaffee, jetzt sofort. Die Spitzen meiner rechten Finger zittern, und klopfen leise auf die Zeitung, die auf dem Tisch liegt, und auf welcher sich meine Hand niedergelassen hat. Ich kenne jede Zeile darin, ich habe jeden orthographischen Fehler entdeckt, jede schwache Formulierung; ich habe sie so oft durchgelesen in den letzten Stunden, dass ich mir sicher bin, sagen zu können, dass ich noch nie so gut über die aktuellen Geschehnisse in der Welt, oder was man dafür hält, informiert war, wie heute. Kellnerin vergisst Kaffee prangt es auf Seite drei über dem Foto einer leeren Tasse. Nach der unglaublichen Zeitspanne von sieben Stunden, die Frau M. aus F. auf die von ihr bestellte Tasse Kaffee warten musste, verstarb sie schließlich infolge der Entzugserscheinungen. Der Pathologe teilte jedoch mit, dass Frau M. bereits zuvor an einer schweren Krankheit gelitten habe, deren Auswirkungen vermutlich sowieso in näherer Zukunft zum Tode geführt hätten.

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