Manieren und Zentralverriegelung
Zuerst wollte ich heute über einen abgehalfterten Politiker schreiben, den man aus einer noch abgehalfterten Partei hinauswerfen wollte, nur weil er empfohlen hat, diese Partei nicht mehr zu wählen, also eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen hat, wenn auch nicht als mündiger Bürger, sondern als Vertreter der Energiewirtschaft, aber immerhin. Ein eher lokalpolitisches Thema, aber welches politische Thema ist nicht in der Konsequenz als lokal zu bezeichnen… Nur hätte ich dann im Laufe der Kolumne etwas vergessen (müssen), nämlich meine Manieren, und so, zur Erinnerung an Manieren und Höflichtkeit auch als Vorsichtsmaßnahme:
Es geht doch nicht ohne gewisse Umgangsformen im menschlichen Miteinander, sonst gibt es zumindestens moralischen Mord-und Totschlag überall, und warum diese Umgangsformen dann nicht gleich ein wenig verfeinern. Es hat sich fast überall herumgesprochen, dass man nicht von seinem Wohnzimmerfenster aus auf seine Mitmenschen schießen darf, und von der Akzeptanz dieser auch, bei Nichteinhaltung, sanktionierten Vorschrift bis zum Aufstehen für die gebrechliche Omama im Bus ist es nur ein kleiner Schritt. Es geht um Respekt voreinander, es geht um gegenseitigen Schutz, und ist man dazu nicht aus allgemeiner Nächstenliebe bereit, so vielleicht aus Eigennutz: Man möchte ja selbst auch nicht abgeknallt werden auf offener Straße und auch Busfahren dürfen, wenn man selbst alt wird, geworden ist.
Wir leben im Zeitalter der Distanzlosigkeit, der Vereinnahmung durch Gruppen und durch einzelne Mitmenschen, wer heute nicht jeden spontan, symbolisch gesprochen, umarmt, gilt als Soziopath, das schafft aber eine latente Aggressivität, die Gruppen oder Beziehungen sind nur wenig harmonisch in sich, sehr fragil also, da sie als Gemeinsamkeit nur die bloße Gruppenzugehörigkeit haben, ihnen fehlt das Schopenhauersche „Medium an Weltinteressen“, und wo wir schon einmal bei Schopenhauer sind in dieser Bildungskolumne: Schopenhauer hat den Sinn von Anstand und Moral am Beispiel einer Gesellschaft von Stachelschweinen erläutert, sie brauchen die gegenseitige Wärme, aber die Stacheln verhindern eine tatsächliche Nähe, den Abstand, den sie als erträglich empfinden, nennen sie Anstand und Moral. Man liebt also die Omi nicht, für die man im Bus aufsteht, man behandelt sie nur anständig, mit Respekt. Gegenseitige Wärme auf Distanz… Höflichkeit…Und die sollte man gerade bei den Menschen pflegen, die man besonders lieb hat, so bleibt diese Wärme auch im Alltag nach der Liebe ein wenig erhalten.
Übertriebene Manieren wirken sicherlich affektiert, der „Diener“ des Herren oder der „Knicks“ der Damen sind zu Recht Relikte aus einer ebenso zu Recht vergangenen Zeit, aber mir gefällt es, wenn man Damen nicht die Türe vor den Kopf schlägt, wenn man ein, beispielsweise, Restaurant betritt, oder sich erst setzt, wenn die Dame sitzt. Sich kurz erhebt, wenn man als Sitzender von einem Stehenden begrüßt wird, und auch ein Grundmaß an Tischmanieren hat. Kürzlich war eine junge Dame ganz erstaunt, dass ich ihr beim Verlassen eines Restaurants in den Mantel geholfen habe, es war das erste Mal in ihrem fünfundzwanzigjährigem Leben, und auch ihr sonstiger Umgang besteht eigentlich nicht nur aus Proleten. Die Emanzen werden jetzt ihre Stirne in Falten ziehen, natürlich können sie einen Mantel alleine anziehen, aber wenn die Emanzipation nur in der Abschaffung respektvoller Gesten besteht, dann brauchen wir das Ding aber überhaupt nicht. Besteht sie ja auch nicht. Was ich auch schätze: Wenn man sich bedankt für einen erwiesenen Gefallen, und das muss nicht formvollendet sein, ich erhielt einmal eine Mail einer KV-Kollegin, sie bestand nur aus einem Satz: „Du bist eine coole Sau. Danke.“, und darüber habe ich mich sehr gefreut. Ein Zeichen von schlechten Manieren ist es auch, aus Mails zu zitieren, übrigens, überhaupt, diese „unmanierliche Klatschsucht“, wie es einmal genannt wurde, zeugt von ganz schlechtem Benehmen.
