Omerta
Für Sarah
Gestern Abend habe ich mit einer Freundin telefoniert, lange, für meine Verhältnisse, und es war schon spät, für meine Verhältnisse. Aber ich bin eingeschlafen danach als ein glücklicher Mensch, denn meine Freundin und ich hatten etwas gerettet, was zu den wichtigsten Dingen im Leben zählt, zu den moralisch wichtigsten: wir hatten eine Freundschaft gerettet. Es gibt kaum etwas Wichtigeres als Freundschaft im Leben, die Freundschaft ist die Mitte zwischen dem Gefühl der Liebe, das man nur für die allerwenigsten Menschen in einem Leben empfindet, und dem Gefühl des Mitleides, das man für alle Menschen empfinden sollte, ein ganz besonderer Schwerpunkt in einem Leben.
Eine Freundschaft entsteht auch aus einer Mitte, weil man ein „Medium an Weltinteressen“ gefunden hat, wie Schopenhauer das nannte, also eine gemeinsame Mitte in den Dingen, die das eigene Leben ausmachen. Oft genügt dazu eine einzige Sache, um diese Mitte zu finden, beispielsweise das Interesse an Büchern. Damit aus diesem Medium eine Freundschaft entstehen kann bedarf es der gegenseitigen Sympathie, nicht jeder, mit dem man Interessen teilt, ist man befreundet oder bereit sich anzufreunden, fehlt die Sympathie, oder besteht sogar eine Abneigung gegen einen Menschen, der gemeinsame Interessen mit einem selbst hat, kann daraus sogar so etwas wie eine Feindschaft entstehen. Man verteidigt dann gewissermaßen seine eigenen Dinge gegen diesen Menschen, oder, um es schlicht zu formulieren: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Blödian die gleichen Bücher mag wie ich, die Bücher sind für mich gewissermaßen entwertet dadurch, dass ein Heiterle sie mag.
Ganz wichtig für den Fortbestand einer Freundschaft ist der gegenseitige Respekt, man kennt die Stärken und Schwächen seines Freundes und akzeptiert diese aus Freundschaft. Respekt ist ein Zustand zwischen Verachtung und Bewunderung, wieder eine Mitte also. Man ist bereit, das ernst zu nehmen, was der Freund sagt und wie er handelt, auch wenn es einem auf den ersten Blick nicht plausibel erscheint, weil man einen Grundrespekt vor ihr oder ihm hat und so zuerst einmal davon ausgeht, dass es richtig ist, was sie oder er entschieden hat. Da man aber in ständiger Sorge um das Wohlbefinden seines Freundes ist, prüft man seine Entscheidungen mit den eigenen Mitteln und versucht ich vor Fehlentscheidungen zu bewahren. Bei jemandem, den man verachtet oder bewundert fehlt diese Sorge um das Glück des Anderen und so gesehen auch der Respekt vor der Person. Bei jemandem, den man bewundert, fehlt der Respekt vor dessen Schwächen, und bei jemandem, den man verachtet, der Respekt vor seinen Stärken.
Entscheidend für eine Freundschaft ist aber die Treue zu dem Freund, die aus dem Vertrauen entstanden ist, das sich im Verlaufe der Freundschaft gebildet hat. Man hat sein Leben geteilt mit seinem Freund, man war in glücklichen und unglücklichen Stunden nicht alleine, und man vertraut darauf, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Um dieses Vertrauen zu bewahren muss man bereit sein, dem Freund treu zu sein, neben ihm zu stehen in allen Lebenssituationen, und gelegentlich auch einmal vor ihm, wenn er Schutz braucht. Und hinter ihm, wenn man selbst Schutz braucht. Man darf ihn nicht verraten, es gibt keinerlei Gründe dies zu tun, ein Verrat bedeutet zwangsläufig das Ende einer Freundschaft. Und man muss dem Freund auch treu sein, wenn er einmal im Unrecht ist, wenn er behauptet, die Erde ist eine Scheibe und dafür angepöbelt wird von allen, so muss man neben ihm stehen und sagen: Ja, die Erde ist eine Scheibe, weil mein Freund das sagt, und sie ist deshalb eine Scheibe, weil ihr ihn anflegelt für das, was er sagt, und er hat das nicht verdient, weil er mein Freund ist. Weil sie meine Freundin ist. Er ist im Irrtum, aber ich habe so viel Respekt, Sympathie und Vertrauen zu ihm, dass mir unsere Freundschaft wichtiger ist als sein oder ihr Irrtum. Ich irre mich mit ihr oder ihm gemeinsam, weil ich sie oder ihn nicht verlieren will.
Die Mafia, eine der mächtigsten Organisationen auf der Welt, hat diese Freundschaft zum Prinzip gemacht, vor allem das Kriterium der Freundschaft. Omerta, man verrät seinen Freund, seine Familie nicht, auf dieser Omerta beruht ein großer Teil ihres Erfolges. Ich wünsche Ihnen, dass sie niemals in Situationen geraten, in denen dieses Erfolgsprinzip gegen Sie angewendet wird, und falls doch, dass sie dann einen Freund haben, der sich gemeinsam mit Ihnen zu verteidigen bereit ist. Und ich danke meiner Freundin, dass sie mir gestern vertraut hat und also meine Freundin ist und bleiben wird, und ich ihr Freund. Denken Sie an Ihre Freunde und ich an meine, ich wünsche Ihnen außerdem:
Einen schönen Tag.
