Von, aber auch: Zu
Haben Sie auch die Dokumentation über Hitlers Machtergreifung im ZDF gesehen? Falls Sie noch nie etwas über die Umstände der Machtergreifung gehört oder gelesen haben, empfehle ich Ihnen dies einmal: leicht verständlich und sehr auf Effekte konzipiert, alleine die alberne Musik im Hintergrund, eben typisch Guido Knopp. So gesehen sicherlich nichts für Mitmenschen, die sich seriös mit der Geschichte auseinander setzen müssen oder wollen. Aber was auch dem naivsten Betrachter auffällt: wie es da von „vons“ und „zus“ wimmelt in den entscheidenden Positionen, also der Wirtschaft vor allem, der Politik, der Reichswehr, das ist schon eklatant.
Der Adel entstand durch Vererbung seines Besitzes und seiner Rechte und Titel, der Ursprung dieses so genannten Standes ist historisch noch nicht endgültig geklärt. Offiziell wurde der Adel ab 1919 als gesellschaftliche Gruppe in Deutschland abgeschafft, alle Bürger sollten vor dem Gesetz und überhaupt gleich sein. Den zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz eines Adelstitels befindlichen Personen wurde erlaubt, diesen bis zu ihrem Tode weiterzuführen, aber nicht mehr weiterzuvererben. Adelsprädikate sind seitdem nur noch Namensbestandteile, aber keine Titel mehr. Was die Entscheidungsträger der Weimarer Republik leider vergessen haben, das war: Ihnen auch Ihre Funktionen wegzunehmen, aber schauen Sie sich bitte die Dokumentation einmal selbst an oder recherchieren Sie anderweitig bei Bedarf.
Seit kurzem haben wir einen Wirtschaftsminister, der auch ein Prädikat in seinem Namen führt, ein „zu“, was bedeutet, dass seine Familie zum Zeitpunkt des Gesetzes von 1919 noch Gutsbesitz führte. Ansonsten fällt der Herr Minister vor allem durch seine auch für Berliner Verhältnisse hervorstechende Profillosigkeit auf, diesen Eindruck verstärken leider noch die Banalitäten, die er ständig absondert. Aber liest man einmal Berichte über ihn, auch in der eher seriösen Presse, so hat man den Eindruck, als gäbe es in Deutschland immer noch eine gewisse Faszination oder sogar Hochachtung vor einer gesellschaftlichen Gruppe, die seit fast 100 Jahren offiziell gar nicht mehr existiert.
