Tagebücher
Für Sabine
![]()
Foto: Sabine Küng
Eines Nachts konnte ich nicht schlafen, wie in vielen Nächten, und ich ging in ein Kino, Programmkino, an den Film erinnere ich mich nicht mehr, aber an die Anekdote, die am Anfang erzählt wurde: Eine Maus flüchtet also vor einer Katze, zu einem Elefanten, bitte hilf mir, und der Elefant, nun ja, er kotet auf die Maus, damit sie sich darin verstecken kann in dem Dung, und die Katze zieht sie heraus und frisst sie, weil, sie hatte vergessen, auch den Schwanz zu verstecken, - die Maus. Solche Geschichten haben eine Moral, und die lautete hier: Nicht jeder, der auf Dich scheißt, ist Dein Feind, nicht jeder, der Dich aus der Scheiße zieht, ist Dein Freund, und wenn Du schon in der Scheiße steckst, solltest Du wenigstens den Schwanz einziehen. Ich wusste damals nicht, ob das stimmte, oder ob Kafka Recht hat, oder Kindermund, das weiß ich bis heute nicht, und an den Film: kann ich mich nicht erinnern. Aber kürzlich wurde er im Fernsehen gezeigt.
Zwar bin ich oft schlaflos, aber ich fühle mich selten einsam dabei, was ich nur schlimm finde: Aus dem Fenster zu schauen, nachts, und alles ist dunkel in den Nachbarhäusern, nach und nach gehen die Lichter überall aus, und man muss dann weiter suchen, den Blick über die Stadt, um beleuchtete Fenster zu finden, da kann schon einmal so etwas wie ein Gefühl der Einsamkeit: einen beschleichen? Sagt man das so: Einsamkeit kann einen beschleichen? Jedenfalls fiel mir einmal auf, dass in dem Nachbarviertel auch ein Fenster beleuchtet war die ganze Nacht, und ich habe mich gefragt, wer mag das sein. Und ich habe das recherchiert, ist ja nicht schwer mit Google Map und Kram, und dann dachte ich: Rufe doch einmal dort an, nachts, vielleicht wird es interessant, das Gespräch, aber ich habe es sein gelassen, obwohl es interessant und schön war in der Fantasie, sich das Gespräch auszumalen, und man beschließt, sich nie zu treffen…Und so. Aber die Fantasie gefiel mir so gut, dass ich sie mir bewahrt habe mit der Zeit, und ich schaue eben nachts nicht aus den Fenster, der Fantasie zuliebe, der wertvollen Fantasie.
Die auch nur relativ ist, wie alles im Leben: zum Beispiel die Phrasen. Zum Beispiel habe ich einmal während meiner Schulzeit einen Mitschüler verprügelt, der war 1,90 Meter groß und 100 kg schwer, durchtrainierter Sportler, Volleyballer, allerdings. Und ich mit meinen 1,70 Metern Körpergröße und 70 kg Gewicht habe ihm schnell zwei Cuts aufs Kinn verpasst und mich dann weggedreht, um zu sehen, ob ich stark genug getroffen hatte, und ich hatte, und im Zurückdrehen gaben ihm zwei Tritte den Rest. Alles Folgende war dann Formsache, sozusagen, ich erspare das dem Leser hier einmal aus Takt. Und am nächsten Tag in der Schule war ich Schulgespräch, aber als ich zu dem Mädchen ging, das ich damals geliebt habe, hat sie sich weggedreht nachdem sie sagte: „Wäre ja schön, wenn Du einmal wegen geistiger Leistungen gefeiert würdest…“, und die Enttäuschung in ihrer Stimme und Wut, der Rest war für sie Formsache. Und seitdem lasse ich mich eben verprügeln und rede dafür intelligent, und es ist ja das selbe wie jemanden verprügeln in den meisten Gesprächen, und beides ist langweilig, weil relativ. Vielleicht.
Vielleicht ist eines meiner Lieblingsworte, ich entscheide mich nicht gerne, und vielleicht hätte ich nicht bremsen sollen, als der Wagen auf uns zugeschossen kam aus der Kurve, oder nicht weglenken, und ich habe auch kurz überlegt: Soll ich oder soll ich nicht? Bremsen, denn ich war schon den ganzen Tag mit einer richtigen Dame unterwegs, so eine, die immer gerade sitzt und geht, und sich grazil bewegt, immer, auch beim Essen, und die weiß, wann man lächeln muss und wie, und sie trug ein weißes Sommerkleid mit braunen Schuhen, und im Zoo wurde sie von einem Elefanten bespuckt, und selbst da wusste sie, dass man lächeln muss oder höchstens geziert-dezent schreit, und sie wusste vieles, vom richtigen Lippenstift bis Shakespeare. Und ich dachte, als dieser Idiot, der vier Autos gleichzeitig überholen musste auf der Landstraße, auf uns zugeschossen kam, auf unser Auto: Du bist dabei, ihrem Zauber zu erliegen, die Hormone, und: Wie geht das aus. Und was passiert, wenn sie merkt, dass Du nicht bremst und weglenkst auf den Acker, wird sie als Dame sterben wollen oder wird sie weinen und schreien oder kotzen: Wie geht das aus? Aber es ist doch egal, wie etwas ausgeht, es geht halt immer vielleicht und irgendwie aus, und so habe ich gebremst und den Wagen auf den Acker gelenkt, und wir haben uns noch vier Mal gedreht bevor auch noch unser Hintermann in unsere Karre krachte, eine junge Frau mit Kind und genau das selbe Manöver mit den gleichen Folgen, auch gedreht und geschleudert und so. Und die Dame neben mir hat geweint und geschrien und gekotzt und nach zehn Jahren haben wir uns getrennt, aber nicht wegen des Unfalles, damals.
Fand ich immer merkwürdig, wann und wo man Menschen wieder trifft, die junge Frau mit dem Kind habe ich einige Zeit später wieder getroffen, während meines Zivildienstes, sie war Krankenschwester, und ich: wie gesagt. Wir sind damals ausgestiegen nach dem Unfall, sie war völlig hysterisch, ihr Mann, wenn er das erführe, schon der dritte Unfall dieses Jahr, und sie konnte sich gar nicht beruhigen, und dann das neue Auto, nämlich unseres. War tatsächlich nagelneu, gehörte meinem Vater, und ich sagte: Fahren wir weiter, ist ja nicht viel passiert, und meinem Vater sage ich, ich hätte eine Mauer gerammt, und grüßen Sie Ihren Mann. Und sie war so dankbar, peinlich, wie viel Angst manche Menschen vor anderen: eben auch Menschen haben. Obwohl man auch mit einer Körpergröße und einem Gewicht, - aber mittlerweile habe ich mich zur Intelligenz entschlossen, vielleicht. Jedenfalls hat sie mir einmal nach einer Nachtschicht einen Todesfall auf der Intensivstation anhängen wollen, ich hätte versprochen, ihren Dienst zu übernehmen, wäre aber nicht gekommen, und ich dachte damals: Hoffentlich kriegt sie heute Senge von ihrem Mann, oder baut wenigstens einen Unfall mit ihrer vergammelten Karre.
(Sagen wir eben, dass ich Dankbarkeit wichtig finde, obwohl ich nicht gerne dankbar bin oder sein muss, dazu gehören auch Vertrauen und Treue, sonst ist die Dankbarkeit immer eine offene Rechnung, die einen verfolgt. Aber manche Menschen schreiben keine Rechnungen, sie sitzen mit einem in schwach erleuchteten Räumen und schauen einen nicht an, während sie erzählen, ihr Blick flackert durch den Raum, und wenn sie glauben, dass man einsam und schlaflos ist eine Zeit, dann rufen sie an, täglich, bis es einem selbst schon ihnen zuliebe besser geht, und sie zahlen die Spaghetti in einem Ristorante von ihren letzten oder allerletzten Euros, und zu Weihnachten erhält man Pakete und Karten aus den Urlauben, oder wie vorige Woche ein Paket, auf das man sich lange gefreut hat. Ohne Rechnung, und da kann man dankbar bleiben als Schuld. Und vor drei Wochen habe ich ihr gesagt, dass ich sie liebe, dass sie zu den drei Menschen auf der Welt gehört, die ich am meisten liebe, und ich sage das sonst nicht und erzähle lieber Anekdoten und Geschichten.)
Solche Geschichten und Anekdoten geschehen eben, man darf sie nicht wichtig nehmen im Einzelnen: nur insgesamt. Beurteilen, verurteilen, ich entscheide das nicht, ich weiß nur, dass sie sich wiederholen, immer wieder, und dabei die gleichen bleiben im Grunde, mit unterschiedlichen Protagonisten, zugegeben, aber auch die Wiederholungen sind dann eine eigene Anekdote, man nennt das: Leben, vielleicht.
