Pinocchio

blog_Organisch.JPGDie meisten werden sie kennen, die berühmte Figur aus dem Kinderbuch von Carlo Collodi, in dem Buch werden die Abenteuer einer Holzfigur geschildert, unter anderem eine berühmte Geschichte, als Pinocchio eine immer längere Nase wächst, während er lügt. Man soll eben nicht lügen, oder: Etwas versprechen, wovon nicht einmal man selbst glaubt, dass man es halten kann. Ansonsten möge einem schon während des Versprechens eine Nase wachsen lang und länger, gerne aus Holz.

Hier meine ich die vorsätzlich nicht eingehaltenen Versprechungen, die man Anderen so macht, nicht die fahrlässigen, wie ein Eheversprechen, zum Beispiel, bis dass der Tod Euch scheidet, so etwas suggeriert einem ja nur der „vom Geschlechtstrieb umnebelte Intellekt“, wie Schopenhauer das genannt hat. Ich meine Versprechungen, von denen man in dem Moment, in dem man sie abgibt, schon weiß: Das kann ich nicht halten, werde ich nicht halten, am schlimmsten: Will ich gar nicht halten. Ganz zu Unrecht wird zwischen einem Versprechen und einer Lüge unterschieden, in dem Moment, in dem man ein unhaltbares Versprechen dolus direktus abgibt, lügt man.

Die bekannteste Gruppe der Lügner sind natürlich die Politiker. keine Mehrwertsteuererhöhung, so etwas, aber denen glaubt ohnehin kein vernünftiger Mensch irgend etwas, außer: Dass sie ständig alles, aber auch alles tun werden um an der Macht zu bleiben. Und das ist auch der Hauptgrund, warum Versprechungen gemacht werden, die dann aber überhaupt kein bisschen gehalten werden: Es geht um Macht, um Anerkennung, derjenige, dem etwas versprochen wird, soll dazu verführt werden, den Lügner anzuerkennen und damit seine Macht. Es geht um Eitelkeit, der Lügner erhält und genießt den kurzen Applaus des Versprechens, des Versprochenen, und es geht, am „Ende des Tages“, wie Verona Pooth, oder wie die Tussie heißt, das nennen würde, um Manipulation. Wie in der Kirche soll ich an etwas glauben, an Armageddon oder an Geschwätz.

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Nachts

Damals saß ich oft auf dieser Bank, und ich kann mich erinnern: es war eine dunkle, kühle Nacht, obwohl mitten im Sommer, aber eine Jacke brauchte man schon um diese Zeit. Von dieser Bank aus konnte man über die ganze Stadt sehen, ohne selbst gesehen zu werden, aus Städten und aus der Stadt, das habe ich damals sehr geschätzt.

Er kam gegen 23.00 Uhr, den steilen Weg entlang, der zu dieser Bank führte, er war nicht groß, zu hellen Leinenhosen trug er einen dunklen Mantel, und von weitem sah ich: Gleich spricht er mich an, und ich spürte das, obwohl er mich nicht musterte, während er auf mich zuging, er hielt den Kopf mit den langen grauen Haaren gesenkt.

„Montags lese ich immer den „Spiegel“, sagte er, während er sich setzte, „schon seit Jahrzehnten, es ist wie eine Sucht, immer will ich wissen, was die Mächtigen und Ohnmächtigen so machen, als Analyse, das leisten die Nachrichten ja nicht.“

Er gab mir Gelegenheit, etwas zu sagen, oder aufzustehen und fortzugehen, indem er sich eine Zigarette anzündete, aber ich war so müde in dieser Zeit, zu müde, um nach Hause oder sonst wohin zu gehen, ich brauchte noch eine Zigarette, ich brauchte noch ein paar Minuten.

„Da habe ich letztens etwas gelesen“, fuhr er fort, „über merkwürdige Tiere, die in Afrika leben, sie gelten als die hässlichsten Tiere der Welt. Sie leben unterirdisch, in stark kohlendioxidhaltiger Luft, das erklärt einiges aus ihrem Leben, aber nicht alles. Etwa tausend auf ein paar Quadratmetern, in einer Art Staat, also hierarchisch, mit einer Königin als Regierung. Diese pflanzt sich als einzige fort, aber wenn sie schwanger ist, wachsen allen Mitgliedern des Staates Milchzitzen, auch den Männchen. Die Tierchen arbeiten den ganzen Tag, kein schönes Leben, nur für die Erhaltung ihrer Art, sie bewegen sich rasend schnell in ihrer Welt, und zwar vorwärts und rückwärts gleich schnell. Ihnen fehlt ein Neurotransmitter, das bedeutet, dass sie keine chronischen Schmerzen empfinden, sie spüren nur den kurzen, spontanen Schmerz, ein englischer Forscher hat das entdeckt. Für sie ist jede schwere Verletzung lebensgefährlich, da sie keine Schmerzen empfinden, pflegen sie ihre Wunden nicht, deshalb hat der Aggressive dort kaum eine Überlebenschance, sie leben fast friedlich miteinander. Dafür interessiert sich natürlich die Pharmaindustrie, ein Milliardengeschäft, wenn man an die vielen Schmerzpatienten denkt.“

Wir rauchten schweigend, und ich versuchte meine Müdigkeit zu überwinden, als ich aufstand, sah ich ihn nicht an.

„Ein Gentleman kann Akkordeon spielen, macht das aber nicht“, sagte ich, „das habe ich in einem Interview gelesen, auch im „Spiegel“. Und, wenn jemand nur noch Zeit hätte, ein einziges deutschsprachiges Buch in seinem Leben zu lesen, empfiehlt Marcel Reich-Ranicki den „Zauberberg“ von Thomas Mann.”

Es war noch kälter geworden, und als ich nach Hause ging, dachte ich an Neurotransmitter und an Gentlemen, und dass ich den „Zauberberg“ noch lesen müsste, man weiß ja nie.

Vorgelesen von Grufti.Ente

Über Pornographie

blog_Organisch.JPGwerde ich hier garantiert nichts schreiben, sie langweilt mich, unter uns gesagt, und ich langweile mich nicht gerne. Ich brauche aber einen Eyecatcher für meine heutige Kolumne, da Frau KeinB in unserer teaminternen Leseaufrufstatistik ganz bedenklich droht mich zu überholen, ich liege nur noch 0, 2531 Prozentpunkte vor ihr, und in der Liebe und bei dem Manipulieren von Leseaufrufstatistiken sind doch alle Mittel erlaubt. Den Kampf um die Kommentarhäufigkeit führen wir dann in drei Wochen weiter. Sie wird sich wundern, so viel schon jetzt einmal angedeutet.

Aber wo wir schon einmal bei dem Thema sind, also bei den heiligen KV – Kriterien zur Bewertung der Qualität eines Textes oder Autoren: wie kommt man da noch zu einem beeindruckenden Ranking außer durch einen reißerischen Titel und also Bildzeitung spielen für einen Moment? Und ohne ständig den Cache seines Browsers zu leeren und so zumindest die Leseaufrufe, nun, sagen wir: zu bearbeiten?

Es gibt da einige, zugegeben, ein wenig arbeitsintensive Wege, und sie erfordern auch eine gewisse psychische Stabilität und Disposition, besonders auch die erste von mir vorgestellte Methode. Man muss sich da ein wenig demütigen und auch nicht zu ungeduldig veranlagt sein, so einmal eine kleine Warnung vorab. Hochkommentieren, so könnte man es nennen, abgeleitet vom „Hochschlafen“, man schreibt also vor der Veröffentlichung eines eigenen Textes möglichst viele Kuschelkommentare bei anderen Kollegen, wobei die erfahrenen KV – User schon Bescheid wissen, wenn sie derartige Post erhalten: Rekommentar schreiben, bitte. Praktisch ist es zudem, wenn man ein Kommentarkaffekränzchen etabliert, dieses möglichst ausbaut, aber das ist dann womöglich erst der zweite Schritt nach dem kommentierenden Anbaggern. Nun schreiben nicht alle Kollegen Rekommentare, manche einfach deshalb nicht, weil sie so eitel sind, diese Ansaugerei für eine ehrliche Meinung zu halten, und damit in ihrem Glauben bestärkt werden, als KV – Gott nicht antworten zu müssen, so wie es der richtige Gott auch zumeist handhabt. Oder sie antworten nicht jedem, oder: was weiß ich. Größte Katastrophe: Sie antworten mit einem Verriss… Manche Kollegen sind so eitel, der Ausweg: Man sucht sich andere. Um eine Zahl zu nennen zur Orientierung: Je nach schon erreichtem Status genügen da zwischen zwei und leider bis zu zehn Kuschelkommentaren. Ein Ausdruck meiner lieben Exkollegin Cora_Sonn, übrigens, er ist wohl selbsterläuternd, nicht wahr.

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Die Kartenkünstlerin

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Dorothea Weiß ist am nächsten Wochenende mit einer eigenen Bude auf dem ersten Adventlichen Kunstmarkt in der Domstadt Neviges vertreten. Sie zeigt (und verkauft) ihre schönen, handgemalten Karten mit ihren berühmten Kästchen und ihre feinen, leisen Landschaften, die zum Verschicken eigentlich viel zu schade sind - und Euch gerahmt viele Jahre Freude bereiten. Außerdem ihre lustigen Fotokarten, die sie selbst fotografiert, bearbeitet, vergrößern lässt und auf Karton klebt, Karte für Karte in Handarbeit. Adventlicher Kunstmarkt, Fußgängerzone Neviges, Sa, 29.11.08, 11 - 20 Uhr, So, 30.11.08, 11 - 18 Uhr.

termine

Milchkaffee

Die Bedienung brachte endlich den Kaffee, es war eine Ehre, hier bedient zu werden für sein schäbiges Geld, eine Ehre, auf die es sich zu warten lohnte, eigentlich war die Bedienung ein Fotomodell oder eine verzauberte Prinzessin, und der Milchkaffee kein Milchkaffee,  sondern etwas mit französischem oder italienischen Namen, große weite Welt in lauwarmer Brühe, aber sie wollte sich unbedingt hier mit mir treffen, in diesem Designerquatsch, unbequeme Stühlchen und klapprige Tischchen, obwohl ich diese Omacafés so sehr liebte, mit den geblümten Stühlen und den tiefen Teppichen und die Bedienung ist  alt wie vieles und also ein wenig staubig, wie die Fenster, zum Beispiel, und es gibt schwarzen Kaffee  oder Kaffee mit Milch und fette Torten, aber sie wollte hier hin und ich verstand und versuchte zu verstehen, immer noch für einen Moment.

Wir standen nicht mehr gemeinsam auf, seit drei Tagen, sie blieb liegen an den ersten beiden Tagen, und heute bin ich früher aufgestanden als sonst, um ihr zu zeigen, dass ich verstanden hatte oder noch versuchte zu verstehen. Jedenfalls stand sie sonst morgens mit mir zusammen auf, 3.00 Uhr früh, damit ich nicht alleine sitzen musste bei Kaffee und Zigaretten, bis ich die Müdigkeit besiegt hatte und zur Arbeit eilen konnte. Sie hätte das nicht gemusst, wie nichts, da ihr Tag erst später begann, wie alles, aber sie tat es als Versprechen und ich verstand es so. Ich bin morgens für Dich da, heute Abend also wieder und nachts, und morgen dann wieder. Vielleicht, doch es ist, als ob ich auf Dich warten würde. Und ich habe sie geliebt für diese Geste, wie sie dasaß, tapfer ihre Müdigkeit niederkämpfend, und wie sie ihre Croissants eintauchte in ihren dünnen Kaffee. Milchkaffee, und ich trank ihn auch, und aß ein weiches Brötchen, statt wie früher: schwarzer Kaffee, und ich rauchte nicht mehr dazu. Und sie mochte keinen Kaffee und wird ihn nie mögen, niemals und nie. Eine Geste, und eine Liebe ohne Gesten ist ja gar keine, sie ist Geschwätz oder ein anderes Wort, das mir egal ist, bedeutungslos, schon lange, genau gesagt: seit ich sie kannte. Hatte ich alles und nichts gefunden. Heute Morgen war ich schon fertig um 3.00 Uhr früh, und als sie mich ansah sagte ich: „Bleib ruhig liegen, ich muss heute früher los.“

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Texte

Auszeiten

blog_Organisch.JPGKeine Angst, ich schreibe jetzt nicht jede zweite Woche, Frau KeinB ist krank, und wir verstehen uns im Team so gut, dass sich unsere Anwälte schon nach drei Tagen über die Modalitäten einer Vertretung geeinigt hatten. KeinB schreibt also nächste Woche für mich, verzichtet dafür zu meinen Gunsten auf ihr Honorar, übrigens: Für das, was ich hier von der Chefin als Honorar für diese Vertretung überwiesen bekomme, würde ich normalerweise keinen Zweizeiler schreiben, ich mache das als Idealist aus reiner Sympathie für unsere junge Kollegin, aber das nur nebenbei. Gute Besserung also, liebe Kollegin, Gott sei Dank gibt es keinen Grund bereits über Nachrufe nachzudenken oder Kerzen in kalten Kirchen anzuzünden, die Röntgenaufnahmen und das CT, die mir ihr Anwalt geschickt haben, zeigen eindeutig: Nur eine Influenza. Was heißt „nur“…

Andere, die weniger hart im Nehmen (und auch weniger intelligent) sind als unsere liebe Kollegin, würden jetzt eine Auszeit nehmen, mit der Begründung, also ungefähren Begründung: In meinen letzten Stunden denke ich an Wichtigeres als an KV… Tatsächlich denken sie an Wichtigeres, nämlich an die Beileidsbekundungen der Kollegen, an die vielen Nachfragen, kurz: Aufmerksamkeit zu erlangen auf womöglich zweifelhafte Weise. Und ebenso wieder bei ihrer Rückkehr. Mir wurde der Fall eines Kollegen berichtet, der mittlerweile fast alle Krankheiten der Welt überlebt hat, vom Fußpilz bis zum Gehirntumor, und der immer dann erkrankt, wenn die Veröffentlichung seines neuen Textes kurz bevor steht. Alle Krankheiten scheinen dabei erfunden zu sein, und die einzige Krankheit, unter der er tatsächlich leidet (nicht ganz dicht in der Birne) gibt er als Grund nicht an. Bisher nicht.

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Frauen

Meistens muss man erraten, was sie eigentlich wollen, zumindest am Anfang, und meistens rät man falsch, das erfährt man dann am Schluss.

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