Milchkaffee
von A.J.
Noch einen Kaffee, bitte, ja, danke. Mein Magen schmerzt bereits, Säure steigt heiß die Kehle hoch, aber ich brauche noch mehr Kaffee, jetzt sofort. Die Spitzen meiner rechten Finger zittern, und klopfen leise auf die Zeitung, die auf dem Tisch liegt, und auf welcher sich meine Hand niedergelassen hat. Ich kenne jede Zeile darin, ich habe jeden orthographischen Fehler entdeckt, jede schwache Formulierung; ich habe sie so oft durchgelesen in den letzten Stunden, dass ich mir sicher bin, sagen zu können, dass ich noch nie so gut über die aktuellen Geschehnisse in der Welt, oder was man dafür hält, informiert war, wie heute. Kellnerin vergisst Kaffee prangt es auf Seite drei über dem Foto einer leeren Tasse. Nach der unglaublichen Zeitspanne von sieben Stunden, die Frau M. aus F. auf die von ihr bestellte Tasse Kaffee warten musste, verstarb sie schließlich infolge der Entzugserscheinungen. Der Pathologe teilte jedoch mit, dass Frau M. bereits zuvor an einer schweren Krankheit gelitten habe, deren Auswirkungen vermutlich sowieso in näherer Zukunft zum Tode geführt hätten.
Endlich trippelt die Bedienung wieder heran, so ein junges Ding mit viel zu fröhlichem Gesichtsausdruck, so eine, der nie irgendetwas die Laune verderben könnte, und wenn ich ihr jetzt beim Zurückgehen ein Bein stellte, und sie mit dem ganzen Tablett lang über den Boden fliegen würde, sie würde vermutlich immer noch lachen. Das ist eine von denen, die an sich viel zu glücklich sind. Diese Leute sind Schuld daran, dass andere niemals gute Laune haben, ich bin mir ganz sicher, es gleicht sich alles aus: wenn einer immer fröhlich ist, muss es einem anderen dafür immerzu schlecht gehen. Sie wirft mir einen fragenden Blick zu, mit ihren perlweißen Zähnen, der perfekt sitzenden Frisur und den haselnussbraunen Augen, und dann fragt sie wirklich. „wieder mit Milch?“ Ich werfe zwei Stück Zucker und den Löffel unnötig heftig in die Tasse, und schlage letzteren wild klimpernd gegen die weißen Steingutwände. Nein, ich will keine Milch, nein, brülle ich in Gedanken, keine Milch, keine Milch mehr! und ich will auch noch nicht zahlen, genauso wenig wie bei der letzten Tasse, bei der vorletzten oder der davor, aber sie fragt immer wieder, bei jeder Tasse. Anstatt zu antworten rühre ich nur heftiger in meinem Kaffee, und trommele mit den Fingern einen nervösen Wirbel auf die Tischkante und die darüber liegende Zeitung. Ob sie wohl weiß, was für ein Unglück sie in die Welt bringt mit ihrer Frohnatur, frage ich mich, aber das ist eine hirnrissige Frage, sie weiß es natürlich nicht, sie schüttelt nur verwundert den Kopf, weil ich ihr keine Antwort gebe, und schwebt lächelnd zurück hinter den Tresen.
Ich stürze ohne Rücksicht auf die Temperatur hastig den Inhalt des Kaffeebechers in mich hinein und verbrenne mir dabei den gesamten Mundraum. Was soll es, was soll es, noch einen Kaffee bitte! rufe ich der Kellnerin zu, noch einen Kaffee!
Er hat damit angefangen, denke ich, und verfluche ihn, ich habe vorher niemals Kaffee getrunken, er hat mich dazu gebracht, er hat morgens Kaffee gekocht und mir welchen angeboten und eingeschenkt, vom ersten Tag an, und ich habe immer ja gesagt, immer. Nach jeder Tasse hat er neu gefragt, neu eingegossen, und ich habe nie nein gesagt, niemals, wir haben kannenweise Milchkaffee gefrühstückt, und Croissants die wir darin eingetaucht haben, und erst wenn ich aufgehört habe zu frühstücken, hat auch er aufgehört, und ist zur Arbeit verschwunden.
Du bist schuld denke ich, ich brauche deinen verdammten Kaffee und deine Croissants, und du hast erst vom Tisch aufzustehen und zu gehen wenn ich fertig bin, und nicht nach einer halben Tasse zu verschwinden, und mich hier sitzen zu lassen, alleine mit dieser furchtbaren Bedienung und dem grässlichen Kaffee.
Ein milchkaffeefarbener Klecks zieht sich durch die Zeitung, er hatte seine Tasse darauf abgestellt, vorhin, als er da saß mit gesenktem Kopf und der Jacke noch an, er hat sie erst gar nicht ausgezogen, er hat sich gar nicht richtig gesetzt, er war kaum da, ehe er wieder verschwand. Ich könnte fast glauben, dass er nie hier gewesen ist, niemals, aber der Milchkaffeerand auf Seite drei ist der untrügliche Beweis, dass er hier war.
Mir wurde ein Milchkaffeefleck hinterlassen, ein dämlicher Klecks über dem Lokalteil, Autounfälle und Einbrüche und Todesanzeigen und darüber dein Fleck, darüber du, kein Kaffee mehr und keine Croissants und kein Frühstück, aber trotzdem überall du, du im Kaffee, in den Croissants, im Lokalteil, im Gesicht der Kellnerin, eingeprägt in die Münzen die ich auf die Scheine abzähle. „Ich möchte zahlen!“ rufe ich der Kellnerin zu, und schütte den letzten Kaffee herunter, schwarz, ohne Zucker, ohne Croissants, ohne dich, und verbrenne mir die Zunge ein letztes mal.
