Glück

Er erwachte vom Geklapper eines Geschirres, und er dachte, solche Frauen machen immer Frühstück, mit drei Sorten Marmelade oder so, und ich hätte gestern doch nicht bremsen sollen, aber was kann sie dafür, dass sie Frühstück macht nach solchen Geschichten, drei Sorten Marmelade, Trockenobst und Orangensaft, und er sagte leise: „Trockenobst, verdammt.“ Oder dachte es, zumindest.

Sie hatten sich vor dem Zoo verabredet, er ging mit Frauen gerne in den Zoo, beim ersten Mal, man musste nicht so viel reden, nicht so viel verraten von sich. Meist sagte er nur, meine Lieblingstiere sind Katzen, und Vögel mag ich nicht, und tatsächlich hatte er Angst vor Vögeln, dieses unruhige Geschnatter und Geschwirre in den Käfigen, jedenfalls hoffte er, dass die Frauen dann dachten: Er mag intelligente, ruhige, aber immer gefährliche Tiere, so ähnlich wird er selbst wohl auch sein. Meist hatten die Frauen Lieblingstiere, denen man auch eher weibliche Attribute zuschreibt, Katzen als erste Gemeinsamkeit, und natürlich immer wieder die Schlangen, biblisch, und die ganzen niedlichen Tiere, Hasen in jeder Form und so für die Realität. Oder umgekehrt. Kamele, einmal war er mit einer Frau unterwegs, die Kamele mochte, aber das ist eine andere Geschichte.

Sie mochte Elefanten, sagte sie zumindest, und er machte ein Foto von ihr vor den neugeborenen Bullen, und sie lachte, als einer sie anstubste mit seinem Rüssel, sie in ihrem weißen Kleid. Was soll sie machen, dachte er, natürlich lachen, wer verpasst einem Elefantenbaby schon eine rechte Gerade, wenn es einem das Kleid versaut, aber er sah in ihren Augen: einen kurzen Moment hatte sie daran gedacht, kurzer, trockener Schlag ohne Ansatz zwischen die Augen, vielleicht bekommt es ja niemand mit. Aber ihr Lachen, nicht zu hell und dunkel genug, um gehört zu werden, und nicht lang, abgeschlossen von einem Lächeln: Hast Du gesehen und gehört, ich habe gelacht.

Später tranken sie Kaffee in dem Zoorestaurant, eigentlich war es schon Zeit für ein Café in der Stadt, aber er war noch ein wenig müde und hatte noch kein Thema gefunden für den Tag, er brauchte immer ein Thema für seine Gespräche. Er war schwach im Plaudern, und eigentlich plauderte er schon zu lange, es war eigentlich höchste Zeit, sein Thema zu finden, und nicht: tausend oder die Tausenden des Geplauders. Sie trank ihren Kaffee mit Milch und Zucker, und rührte den Kaffee bedächtig um, wie alles, was sie tat, bedächtig wirkte, eine Katze, dachte er, sie ist eine Katze, ohne diesen biblischen Scheiß. Eine Dame zudem, eine richtige Madame, wie sie dasaß, und ihren Blick abwechselnd zwischen der Kulisse und ihm ruhen ließ, eine Mitte suchend, und sie lächelte viel. Ihre Gestik war nicht übertrieben, aber geschickt eingesetzt zur Vertonung ihrer dunklen Stimme, ihre Hände ruhten still auf dem Tisch, während sie sagte: Ja, Tolstoi, aber ich mag Dostojewski mehr und die Russen überhaupt, ich war einmal in Moskau vor der Wende, und da wollte man mir meinen Regenschirm abkaufen, bot mir ein Vermögen dafür, - und solche Dinge, Shakespeare und Störvariablen bei Romeos und Julias, Mohnbrötchen in den Herbstferien, und sie machte es ihm leicht. Er dachte: sie ist schön, ein Gesamtkunstwerk, und wenn das hier so weitergeht wie immer oder so oft, dann werde ich als ihr Bewunderer eingehen in ihre Geschichte, ein Kommentator von einem großen Bild, ein Besucher in der Ausstellung ihres Lebens. Eine Dame, die jemand eine Weile begleitet ,der weiß, dass sie eine Dame ist.

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Texte

Ein Sozialromantiker

keinthema.jpgWissen Sie eigentlich, was oder wer ein Arschloch ist, bei dessen Anblick man entweder kotzen möchte oder so angeekelt ist, dass man dieser hässlichen Drecksau am liebsten die Fresse polieren möchte? Ich nicht, ich denke nicht in solchen Kategorien und benutze solche Schimpfworte nicht, nur zur Abschreckung oder als Metapher, beispielsweise, und ich kenne auch solche Menschen nicht. Wen ich kenne ist, wieder beispielsweise: Roland Koch, Sohn des früheren hessischen Justizministers Karl-Heinz Koch, seit 1999 Ministerpräsident von Hessen, stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. In seiner Doppelfunktion als Ministerpräsident von Hessen und Aufsichtsratvorsitzender der „Fraport AG“, einem Unternehmen, das an dem umstrittenen Ausbau des Rhein-Main-Flughafens beteiligt war, bewilligte er zwei Vorstandsvorsitzenden eine Erhöhung ihrer Gehälter um nahezu 50 % und kürzte gleichzeitig das Weihnachtsgeld der Betriebsrentner um den gleichen Prozentsatz. Im Zuge der CDU- Parteispendenaffaire geriet der sich selbst als „brutalstmöglicher Aufklärer“ postulierende Herr in Bedrängnis, als rückdatierte Quittungen auftauchten, die seine eigene Rolle im Zusammenhang mit den so genannten „jüdischen Vermächtnissen“ zumindest, nennen wir es freundlich: fraglich erscheinen lassen. Damals trat als offensichtliches Bauernopfer der Chef der Staatskanzlei zurück, ein gewisser Franz-Josef Jung, später Verteidigungsminister und ziemlich kurz auch Arbeitsminister, seine Geschichte dürfte bekannt sein. Ein Zögling Roland Kochs ist auch die derzeitige Familienministerin Kristina Köhler, möge es ihr besser ergehen als Franz-Josef Jung, auch, was ihre Karriere betrifft.

Roland Koch fordert heute, sicherlich vor dem Hintergrund der eigenen Biografie, in der der Begriff „Gemeinwohl“ ganz offensichtlich eine zentrale Rolle spielt, eine Arbeitspflicht für Langzeitarbeitslose, zur Abschreckung, um den Bezug des ALG II nicht als „angenehme Variante“ zu empfinden. Konkrete Vorschläge macht er dabei (noch) nicht, er spricht ganz allgemein von „niederwertigen Tätigkeiten in einer öffentlichen Beschäftigung“, und da er sicherlich nicht das Amt des Ministerpräsidenten von Hessen oder das der Familienministerin damit meint, geht es hier vermutlich um Reinigungsarbeiten, die niemandem zuzumuten sind außer ständig besoffenen Übergewichtigen, die in überheizten Räumen hocken, Fernsehen schauen und allzeit Kopftuchmädchen zeugen, deren Erziehungsgeld sie dann versaufen und verfressen können, - so stellen sich führende Sozialdemokraten den Alltag eines Langzeitarbeitslosen vor. Übrigens. Und er meint sicherlich auch keine moralischen Tätigkeiten, wenn er an Reinigungsarbeiten denkt, wie zum Beispiel den ganzen Dreck zu entsorgen, den manche Personen des öffentlichen Lebens verbal oder schriftlich oder so produzieren.

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Heimweh

Und als sie vor dem Bild standen, Magritte: „Heimweh“, fragte er sie, wie gefällt Dir das Bild, und sie sagte, der Löwe muss weg, der Löwe?, fragte er, oder der Mann, sagte sie, der Mann?, oder beide, beide?, fragte er, oder die Lampe, sagte sie, die Lampe?, oder das Geländer, das Geländer?, oder die ganze Brücke, die Brücke?, fragte er, oder der Hintergrund, sagte sie, der Hintergrund?,  denn er ist zu gelb, zu gelb?, fragte er, weil: das Heimweh ist doch wie eine leere Leinwand, leere Leinwand?, fragte er, man weiß nicht: wonach, wonach?, fragte er,  ich weiß das nicht ,sagte sie, Du?, und dann fragte er, willst Du mich heiraten, und sie, sie lächelte, oder sollen wir weitergehen zum nächsten Bild, fragte er,  und sie, sie: lächelte.

Texte

Weihnachtsfrieden und Glühweinrausch

keinthema.jpg

Unser heutiges Thema, passend zum Vierten Adventssonntag: Eine kleine Diskussion über das Weihnachtsfest an und für sich. Gibt es doch kaum ein Thema, das die zumindest Europäer inhaltlich so stark entzweit, wie diese Diskrepanz oder Nähe zwischen Liebe und Konsum, Kitsch und Besinnlichkeit, Ritual und Gläubigkeit und der Verwechselung der selben miteinander wie dieses uralte Christenfest sie symbolisiert. Man wird weiter diskutieren und weiterfeiern, die nächsten Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende, und lesen Sie bitte selbst einige der Gründe, warum ich diese Prognose wage, auch wegen der Argumente der Weihnachtsverächter. Besonders wegen der Argumente der Weihnachtsverächter, sogar:

MagunSimurgh

Bis vor ein paar Jahren habe ich mich auf Weihnachten gefreut. Die Atmosphäre, der Schnee, die Lichter, die Kerzen. Nicht die Geschenke – viel mehr der Rückzug, die Alleinsamkeit. Nein, das Wort “Besinnlichkeit” möchte ich nicht verwenden, weil es mittlerweile einen Beigeschmack von Weihnachtsplätzchen im Juni hat.
Ich wünschte, das wäre so einfach, ich könnte auf den Kapitalismus schimpfen, auf Geschenkstress und Weihnachtsmarkthektik. Ich wünschte, denn dann könnte ich es verständlich erklären. Aber das ist es nicht wirklich.
Ich habe es nie wegen seiner ursprünglichen Bedeutung gemocht, besonders christlich war und bin ich nicht, vielleicht war das ein Fehler. Möglicherweise wird eine Sache erst wahrhaftig, wenn man sie für das mag, was sie ist, nicht dafür, was sie mit sich bringt, weil man sich damit von Außenfaktoren abhängig macht.
Ich weiß noch ziemlich genau, dass 2006 das letzte Jahr war, in dem ich ein echtes Weihnachtsgefühl hatte, ein paar Lichter im Zimmer, ein paar Weihnachtsgeschichten und wundervolle Bilder im Kopf. Und ein Teil von mir wünscht sich, dass er irgendwann wieder so empfinden kann.

tausendschön

Obwohl sie es mir madig machen wollen, diese Weihnachtsmüden, diese Weihnachtshasser: Ich bin eine Weihnachtsliebende.

Das beginnt schon im September. Wenn ich an der Supermarktkasse stehe und mit liebevoll verklärtem Blick die Lebkuchen aufs Band lege, guckt Ihr, die Weihnachtsmüden in der Schlange hinter mir, als gehörte ich vorzugsweise ins Irrenhaus, als wäre ich diejenige, die für den scheinbaren Weihnachtswerteverlust verantwortlich ist! Aber das ist eine Verdrehung der Tatsachen: Vorfreude ist die schönste Freude, und die gönnt Ihr mir einfach nicht.
Und wenn die Zeit des Geschenkebesorgens naht, dann jammert Ihr, daß Weihnachten vom Fest der Liebe zum Fest des Konsums verkommt. Und zieht Euch den Schuh gleich selbst an, indem Ihr Parfümeriegutscheine, Unterwäsche und Hörbücher verschenkt, weil Ihr wie immer kein passendes Geschenkt findet. Mein Problem ist das glücklicherweise nicht. Ich koche, backe und nähe, und liebevoll noch dazu; und davon abgesehen ist Weihnachten eine grandiose Chance, viel Geld auszugeben mit wenig schlechtem Gewissen. Ich zum Beispiel benötige dringend für mein Wohlergehen den roten Stabmixer von Kenwood. Die Liebe zu mir selbst erfordert, daß ich zum Schutz meiner geistigen Integrität dieses Bedürfnis stille.
Und dann dieses ständige Erwähnung des Weihnachtsstresses! Für mich gibt es nichts schöneres, als tagelang nur mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt zu sein: Den Weihnachtsbaum schmücken (groß und schön muß er sein, und zur Not operiere ich liebevoll mit dem Seitenschneider. Dann kommen die Weihnachtskugeln an den Baum: es sind sehr viele und sie sind bunt, und echte Kerzen natürlich, und sehr sehr viel echtes silbriges Lametta. Lametta wird nicht in Gramm, sondern in Aufhängestunden gerechnet, drei glückliche sollten es schon sein. Auf der Spitze steht ein großer Strohstern. Darunter liegen die liebevoll eingepackten mehrschleifigen Geschenke) und das Weihnachtsmenü planen und kochen (je mehr Gänge es sind und je schwieriger sich die Besorgung der Zutaten gestaltet, desto besonderer und lohnenswerter).
Erst wenn dann Heilig Abend ist, und wir essen, schenken und singen, dann vergesse ich, daß Ihr doofen Weihnachtshasser überhaupt existiert. Dann bin ich nämlich viel zu glücklich, um mir noch ansatzweise die Freude verderben zu lassen.

Für mich, als Weihnachtsliebende, erschließt sich die zeitgemäße, nicht religiöse Bedeutung des Weihnachtsfests sehr leicht. Weihnachten kann ein Fest für alle Menschen sein, ein Innehalten am Ende eines Jahres, ein Gedenken der Liebe. Ein Zuhören. Und dieses Fest feiern wir ökologisch inkorrekt, indem wir Bäume fällen, die zur Dekoration wenige Wochen im Wohnzimmer stehen. Wir kochen mit den wertvollsten Zutaten, mit den besten Stücken vom Tier. Wir kaufen etwas, das der Beschenkte sich selbst nicht kaufen würde, trotz seiner Freude darüber. Mag sein, daß das heute auch alltäglich praktiziert wird. Doch es werden glücklicherweise Zeiten kommen, in denen all das kein Alltag sein kann, in denen wir Mensch, Tier und Umwelt zuliebe darauf verzichten müssen. Und gerade dann brauchen wir das Weihnachtsfest. Denn wenn dann Weihnachten die Ausnahme von der Regel ist, dann brauchen wir uns nicht mehr für unseren Lebensstil zu schämen, und können unseren Lieben an Weihnachten viele kleine Freuden bereiten, die wir ihnen sonst vorenthalten müssen. Wie kann man dann noch Weihnachtshasser sein?

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Für Wortverdreher

keinthema.jpgZuerst wollte ich eine recycelte Kolumne anbieten an diesem Sonntag, mein verwöhntes Publikum war damit überhaupt nicht zufrieden, und ich danke dem Kollegen  wortverdreher, dass er diese Unzufriedenheit subtil, aber wahrscheinlich in Ihrer aller Namen artikuliert hat. Ich widme ihm diese Kolumne, sollte ihm die Kolumne, oder die Widmung, oder sogar beides nicht gefallen, entferne ich die Widmung, belasse es aber bei dem Kolumnentitel: Passt auf fast jede Kolumne, finden Sie nicht?

Nun, es lag nicht an mir, dass ich diesen kleinen Betrug an meiner Leserschaft begehen wollte, Schuld daran war die fehlerhafte Informationspolitik des Teams, die zwei verantwortlichen Damen hierfür mussten sich dafür verantworten, ich habe sie gefeuert. Allerdings finde ich die öffentliche Diskussion um diesen Vorfall hysterisch, und ich warne davor, bei der Untersuchung dieses Vorfalls das Team zu diskreditieren.

Übrigens, hysterisch, diskreditieren, selbst vollkommen schuldlos, und deshalb Leute feuern, es gibt da ein prominentes Beispiel aus der Politik, das mir da als Vorbild gedient hat, und wo wir schon mal bei dem Thema Vorbild sind… Man sagt doch immer, Eltern sollen Vorbilder sein, zumindest postulieren das die Vertreter der so genannten christlichen Partei, der dieser Herr angehört, und wer das oft von sich behauptet, Vorbild sein zu wollen, das sind Vertreter des so genannten Standes, dem der Kollege ebenfalls angehört, und den wir mit einigem Recht abgeschafft haben: des Adels also. Jetzt weiß ich gar nicht, ob der Herr von und auch zu Kinder hat, aber nehmen wir an:

Abendessen bei Barons zu Hause, die treue Dienerschaft serviert das von Herrn Hochgeboren selbst erhatzte Wildbret, vortrefflich zubereitet unter Aufsicht der angeblich schönen Baroness, und in diese Orgie aus Vorurteilen, Klischees und Kitschphantasien meinerseits fragt Herr Von den Sohn des Hauses nach den Fortschritten beim Absolvieren der Schullaufbahn, schließlich soll dieser dereinst das stattliche Gut übernehmen. Und der Thronfolger erklärt dem Herrn Papa, dass er keine Schulaufgaben mache und sich auch an Klassenarbeiten nicht beteilige, das läge an der Informationspolitik der Mitschüler und Lehrer, die ganze Diskussion darüber fände er hysterisch und so weiter…Ich frage mich, was Herr Zu darauf antworten mag, schwer vorstellbar, dass sein stolzes Lächeln sich verbreitert, aber im Grunde genommen hat das potentielle Kind Recht, es macht, was Hochwohldings ihm vorlebt.

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Im Garten

von tausendschön

Die Zeiten, in denen wir den Garten bestellten, sind schon lange vergangen. Als wir nach vielen Jahren der Arbeit begriffen, daß so nichts wachsen konnte und daß uns doch kein Unheil drohte, ließen wir die Harken sinken und nahmen die Leitern von den Bäumen. Allein die Bevölkerung war ein langsamer Prozeß. Im ersten Jahr kamen die Hautflügler, die den Saft der faulenden Früchte tranken. Das zweite Jahr war so bunt, als die Kräuter wuchsen und den Schmetterlingen entgegenblühten, um doch in den nächsten Sommern ihre Plätze anderen zu räumen. Aber schon im dritten Jahr glitzerten die ersten Käferpanzer zwischen den Halmen und Sprossen. So verging die Zeit, es kamen Sträucher und Vögel, die Nester in den Sträuchern bauten und sangen. Wir hörten einmal ein einsames Quaken von unserem Teich, doch es verstummte bald. Schließlich ergriffen die Nagetiere Besitz von unserer Küche. Wir teilten Brot und Wasser mit ihnen und buken sie im Ofen. Die Knochen legten wir vor die Türe, wo sie bei Einbruch der Dunkelheit verschwanden. Bald zermahlten wir sie und machten daraus ein Brot, das wir den Vögeln ins Gras bröckelten. Mit der Zeit gingen wir nur selten in den Garten, obwohl das Haus so sehr beengte. Die Nachbarn glaubten, wir trauten uns nicht mehr, doch in Wahrheit wollten wir den gerade erst geborenen Wald nicht stören. Die Arbeit hatten wir aufgegeben, weil all das Geld uns nicht zu unserer Natur verhalf. So saßen wir tagein, tagaus am Fenster und sehnten. Als einmal ein bleicher Obdachloser, der versicherte, der Vater vieler Söhne zu sein, an der Haustür klopfte und darum bat, im Garten zu kampieren, nahmen wir ihn in die Küche und teilten Brot und Wasser mit ihm. Die Knochen zermahlten wir und buken daraus ein Brot für die Nagetiere. Wir wurden glücklicher, als die Nachbarn hinter den wuchernden Sträuchern verschwanden. Doch dann aß der andere Mensch im Garten die Beeren von den Sträuchern, und ich mußte forthin alleine backen. Ich erfreute mich mehr denn je an den reinen Klängen des Gartens. Kurz vor Wald kamen dann Menschen und entnahmen mich der Idylle. Der Garten, zu dem sie mich brachten, ist von Menschen für Menschen gemacht. Hier liege ich im gemähten Gras und träume vom alternden Wald, in dem die morschen Bäume knicken, sich knirschend aneinanderreiben und klirrend zu Boden fallen. Aus dem fruchtbaren Boden erwachsen eintausend menschliche Embryos, die den Saft von den faulenden Früchten lecken, bis ihnen Flügel wachsen und sie, die Rotblinden, mit pollenbestäubten Haaren wie im Spiel von Blüte zu Blüte fliegen und dort den Saft der Nektarblätter trinken.

Gelesen

Natürlich Mord

keinthema.jpgEinige werden es gelesen haben: diese Woche ist ein so genannter ehemaliger Verteidigungsminister zurückgetreten. Ersparen wir uns die ekligen Details dieses Rücktritts, wie da laviert wurde und wie andererseits mit letzter Kraft versucht wurde, den neuen Job zu behalten mit aller Macht, was mich interessiert sind die Gründe, die zu diesem Rücktritt geführt haben. Es ging um Informationen, die vorenthalten wurden, um die „interne Informationspolitik“, worum es nicht ging: um die ermordeten Menschen bei diesem Angriff in Afghanistan. Wegen, wahrscheinlich, 180 ermordeten Menschen tritt in Deutschland niemand mehr zurück, anscheinend.

Konzipiert war die Bundeswehr ursprünglich als Verteidigungsarmee, mit dem strikten Verbot, in Krisengebieten eingesetzt zu werden. Schon früh stellte sich heraus, dass die Bundeswehr vorwiegend mit Angriffswaffen ausgerüstet war und so einen Verteidigungsauftrag nie erfüllen konnte, und wohl auch nicht wollte. Deutschland gehört zu den bedeutendsten Waffenexporteuren der Welt, und exportiert werden vorwiegend Angriffswaffen, mit denen dann konsequenterweise auch die deutsche Armee ausgerüstet wurde, Krieg ist immer in erster Linie ein Geschäft. Nach 1990, dem Niedergang des Warschauer Paktes, der von den Akteuren der Bundeswehr als Hauptgegner gesehen wurde, mussten neue Ziele und neue Gründe gefunden werden, eine hochgerüstete und teure Armee in einem demokratischen Land zu legitimieren. Legendär hier die Äußerung des damaligen Verteidigungsministers Struck (SPD), die Verteidigung Deutschlands fände „nicht mehr nur in Hindelang, sondern auch am Hindukusch“ statt. Wie das aussieht, erfahren wir jetzt.

Es ging um einige Liter Benzin, wahrscheinlich um weniger, als täglich in unsere Seen und Flüsse geleitet werden, als täglich oder vielleicht stündlich auf unsere Autobahnen fließen nach Unfällen oder ähnlichem, es ging um einen Dreck. Niedere Beweggründe würde man das im Zivilrecht nennen, der Anklagegrund: Mord, die Strafe dafür: Lebenslänglich, bei dieser Qualität mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

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